SeDOA Innovation-Bite

Von Sabine de Günther

Das SeDOA Innovation Lab (SIL) sucht nach Wegen, Diamond Open Access lebendig zu machen: Wir identifizieren Lösungsansätze und innovative Prozesse, die das Publizieren von Artikeln und Monographien attraktiv und spannend gestalten. In unregelmäßigen Abständen stellen wir solche Impulse vor.

Das Academic Wheel of Privilege (AWoP): Ein didaktisches Werkzeug für gerechtere Autorenschaft in der Wissenschaft

Die Reihenfolge der Autorenschaft in wissenschaftlichen Publikationen gilt oft als Indikator für Leistung und Beitrag. Doch hinter diesem vermeintlich objektiven „Meritokratie“-Mythos, so die Autor*innen des AWoP, verbergen sich oft tief verwobene systemische Ungleichheiten. Wie beeinflussen Faktoren wie Umfeld, Geschlecht oder Bildungszugang den Erfolg im Wissenschaftssystem? Um den Diskurs über faire Autorenschaft zu versachlichen, hat das FORRT-Netzwerk (Framework for Reframing Open Research Transparency) das digitale Werkzeug “Academic Wheel of Privilege” (AWoP) entwickelt. Es soll Autor*innenteams dabei unterstützen, Machtungleichgewichte zu reflektieren und Entscheidungen bezüglich Autorenschaft inklusiver zu gestalten. Es visualisiert, wie verschiedene Formen von Privilegien den Zugang zu Ressourcen beeinflussen und wie diese ineinandergreifen.

FORRT: Framework for Open and Reproducible Research Training

Das FORRT-Netzwerk unter der Leitung von Dr. Flavio Azevedo (Utrecht Universität) ist eine internationale Gemeinschaft von Wissenschaftler*innen, Lehrenden und Praktiker*innen, die sich für die Reform der wissenschaftlichen Ausbildung und die Förderung von Transparenz, Reproduzierbarkeit und Ethik in der Forschung einsetzen.

Middleton, S. L., Sulik, J., Iley, B., Elsherif, M., Azevedo, F. (2026, February 20). The Academic Wheel of Privilege: An equity-based tool for authorship order.

https://doi.org/10.31222/osf.io/af4nk_v1


FORRT umfasst Mitglieder aus unterschiedlichen Disziplinen und arbeitet mit institutionellen Partnern wie der UNESCO, dem Center for Open Science (COS), der Berkeley Initiative for Transparency in the Social Sciences (BITSS), dem Open Science Framework (OSF), OER Commons und weiteren zusammen. Mit dem Ziel, die akademische Ausbildung zu demokratisieren und ethischer zu gestalten, entwickeln sie didaktische Werkzeuge wie das AWoP und stellen diese offen bereit.

Einführung in das AWoP

https://forrt.org/awop/

Link zur Web-Applikation

https://forrt.org/awop_app

Der Aufbau des AWoP: 24 Kategorien in 6 Sektoren

Das Rad basiert auf 24 sozio-kulturellen Identitätskategorien, die in sechs Sektoren unterteilt sind:

  1. Gesundheit und Wohlbefinden: Neurodivergenz, Behinderungsstatus, psychische Gesundheit.
  2. Gesellschaft, Kultur und Kommunikation: Ethnizität, Religion, Reisefreiheit.
  3. Geschlecht und Sexualität.
  4. Bildung und Karriere: Karrierestadium, Prestige der Qualifikation, Mentoring.
  5. Leben: Vermögen, Unterstützungsnetzwerk, Beschäftigungsstatus.
  6. Kindheit und Entwicklung: Stabilität des Elternhauses, sozio-kulturelles Kapital.

Je näher eine Kategorie dem Zentrum des Rades liegt, desto höher ist das angenommene Privileg. Dieser „Trichter-Effekt“ hilft Teams, die relative Positionierung ihrer Mitglieder im akademischen Feld zu verstehen.

Die digitale App: Flexibel und anpassbar

Ein entscheidender Vorteil des AWoP ist seine digitale Umsetzung als JavaScript-App. Sie ist kein starres Bewertungssystem, sondern kann als Momentum für tiefergehende Diskussionen dienen. Nutzende können Kategorien hinzufügen, entfernen oder gewichten, um das Modell an den spezifischen Kontext ihres Teams oder ihrer Disziplin anzupassen. Die App integriert Reflexionsfragen, Fallstudien (z. B. zu Erstakademiker*innen) und eine Bibliografie, um den Lernprozess zu reflektieren.

Der 6-Stufen-Prozess: Von der Analyse zur Autorenschaft

Das AWoP folgt einem klaren Workflow, der Teams durch den Prozess führt:

  1. Untersuchen (Examine): Das Team lernt das Konzept und die App kennen.
  2. Vorbereiten (Prepare): Das Autorenteam stimmt der Nutzung zu; ein System zur vertraulichen Erfassung wird eingerichtet.
  3. Bewerten (Evaluate): Mittels der App werden die relativen Privilegien-Level der Teammitglieder basierend auf den 24 Kategorien bewertet.
  4. Dokumentieren (Record): Die Scores werden geteilt. Eine Erklärung zur Autorschaftsreihenfolge wird zum Manuskript hinzugefügt, wobei das AWoP zitiert wird.
  5. Reflektieren (Reflect): Individuelle und kollektive Reflexion über Machtstrukturen und identitäre Überschneidungen.
  6. Lernen (Learn): Nutzung der bereitgestellten Ressourcen (Syllabus, Fallstudien) für die Weiterbildung.

Wichtig: Das AWoP ersetzt nicht Frameworks wie CRediT (Contributor Roles Taxonomy), die die Art der Beiträge dokumentieren. Es ergänzt diese, indem es den Kontext der Beiträge erhellt.

Ausblick: Mögliche Anwendungsszenarien

Für die Diamond-Open-Access-Prinzipien (siehe SeDOA-Diamond-OA-Definition), die von den FAIR-Kriterien geleitet sind und nicht-kommerzielle Publikationsprozess vorsehen, bietet das AWoP Innovationspotenzial. Setzt man das AwoP ein, könnte dem Manuskript eine Begründung der Reihenfolge hinzugefügt werden, um die Glaubwürdigkeit und Fairness des Publikationsprozesses hervorzuheben.

Szenario 1: 

Eine Anwendung des AWoP ist vorstellbar im Kontext von Zeitschriften-Neugründungen im Diamond-OA Umfeld: Die Reflektion der eigenen Privilegiertheit im Zuge der Begründung eines Redaktionsteams könnte mehr Diversität und Inklusion bei Entscheidungsstrukturen befördern. Gleichermaßen könnte das AWoP Teil eines Onboarding-Prozesses für neue Redakteur*innen werden.

Szenario 2: 

In interdisziplinär ausgerichteten Forschungsteams entstehen oft Konflikte um die Autorschaftsreihenfolge, die nicht nur auf unterschiedlichen Privilegien basieren, sondern vor dem Hintergrund unterschiedlicher disziplinärer Strukturen und Standards ausgehandelt werden müssen. Das AWoP könnte als Mittler-Instrument fungieren und Autor*innenteams begleiten.

Szenario 3: 

Das AWoP könnte im Kontext von bestehenden Diamond-OA-Publikationen als standardisiertes, aber flexibles Werkzeug zur Selbstverpflichtung eingesetzt werden. Zeitschriften könnten die Autor*innenschaften nachvollziehbarer gestalten und damit Diamond OA gerechter und attraktiver gestalten.

Fazit

Der didaktische Mehrwert des Academic Wheel of Privilege liegt in der Möglichkeit, die Publikationslandschaft inklusiver zu gestalten und Meritokratie-Mythen zu dekonstruieren.

Your Input – Our next steps

In Ideathons, Hands-On-Labs und Workshops tauschen wir uns mit der Community aus – von Publikationsdienstleistern bis zu Forschenden. Alle Ideen stehen offen im SIL-Repository auf Codeberg zur Verfügung. Dort fungiert das Repository nicht nur als Ideenbank, sondern als Austauschraum. Wir laden herzlich ein, neue Issues zu eröffnen oder bestehende zu kommentieren. Alles, was Sie brauchen: ein Codeberg-Konto und Ihre Ideen.

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