Von Katja Wermbter und Stefanie Westphal
Was passiert eigentlich hinter den Kulissen eines Overlay-Journals – und was genau bedeutet „Diamond Open Access“ in dem Kontext? Am 7. Mai 2026 fand die vierte Veranstaltung der SeDOA-Reihe „This Is How We Do It – International Best Practices for Diamond Open Access“ statt. Zu Gast waren Anne Baillot und Françoise Gouzi von DARIAH-EU, die das noch junge Diamond-Open-Access-Journal Transformations vorstellten und Einblicke in dessen innovative Publikations- und Begutachtungsprozesse gaben.
DARIAH als Infrastruktur: „Forschung zu ermöglichen ist auch Forschung“
DARIAH-EU ist eine digitale Forschungsinfrastruktur für die Geistes- und Kulturwissenschaften. Seit 2014 ist DARIAH ein European Research Infrastructure Consortium (ERIC) und wurde 2016 zum ESFRI Landmark. Hinter diesen Akronymen steckt ein simpler Gedanke: Digitale Methoden, Werkzeuge und Infrastrukturen sind heute eine Grundbedingung dafür, dass Forschung überhaupt stattfinden kann. Zur Mission von DARIAH gehört es daher, Forschungs-Communitys beim Einsatz digitaler Methoden zu unterstützen, Forschungsdaten und -ergebnisse nachhaltig auffindbar und nutzbar zu machen sowie Open Science auf europäischer Ebene aktiv mitzugestalten.
Episciences: Overlay-Journal statt klassische Verlagspublikation
Wie sich diese Ziele in der Praxis umsetzen lassen, demonstrierten Anne Baillot und Françoise Gouzi am Beispiel des Journals Transformations. Das Journal wird von DARIAH herausgegeben, nutzt für den Publikationsprozess jedoch die Diamond-Open-Access-Plattform Episciences. Diese stellt die technische Infrastruktur für sogenannte Overlay-Journals bereit. Anstatt Beiträge direkt auf der Journalplattform einzureichen, werden sie zunächst als Preprint in einem offenen Repositorium veröffentlicht (z. B. HAL, arXiv, Zenodo). Anschließend ermöglicht die Umsetzung durch Episciences die Einreichung im Journal Transformations einschließlich des gesamten redaktionellen Workflows – von der Einreichung über das Open Peer Review bis hin zur Veröffentlichung der begutachteten Version (“Version of Record”).
Der Episciences-Workflow lässt sich grob folgendermaßen skizzieren:
- 1. Preprint im offenen Repositorium hinterlegen (inkl. Daten und Software).
- 2. Einreichung beim Journal, Prüfung durch das Editorial Board.
- 3. Auswahl und Einladung von Gutachter*innen.
- 4. Flexible Peer-Review-Gestaltung (z. B. Single Blind Peer Review oder Open Identities von Autor*innen und Reviewer*innen)
- 5. Nach Annahme: Lektorat (Copy Editing) und Layout.
- 6. Veröffentlichung des Artikels im zugrunde liegenden Repositorium und Spiegelung auf der Seite des Journals.
- Das Journal „überlagert“ also die bestehenden Repositorien: Es schafft fachliche Qualitätssicherung, kuratierte Präsentation, Zitierfähigkeit, ohne das Prinzip offener Repositorien auszuhebeln.
Transformations als praktische Umsetzung von Open Science
Das Journal Transformations ist ein Diamond-Open-Access-Journal für digitale Ansätze in den Geistes- und Kulturwissenschaften und versteht sich dabei als ein wichtiger Baustein in der Community-Bildung: Es schafft einen Ort, an dem Verfahren, Daten und Workflows explizit sichtbar und zitierbar werden.
Die wissenschaftliche Verantwortung bleibt dabei vollständig bei DARIAH und dem Editorial Board des Journals. Episciences übernimmt die technische Umsetzung und stellt die Werkzeuge für einen transparenten und nachhaltigen Publikationsprozess bereit. Dieses Zusammenspiel von Forschungsinfrastruktur und offener Publikationsplattform verdeutlicht, wie Diamond Open Access auf bestehende Infrastrukturen aufbauen kann: Fachcommunitys behalten die Kontrolle über ihre Inhalte, während technische Dienste gemeinsam genutzt werden. Damit wird Transformations zu einem anschaulichen Beispiel dafür, wie Open Science nicht nur programmatisch gefordert, sondern in der wissenschaftlichen Praxis umgesetzt werden kann. So ist der Publikationsprozess von Transformations explizit an den FAIR-Prinzipien ausgerichtet:
Findable: Eindeutige Identifikatoren (DOIs, ORCIDs, ROR-IDs) sowie standardisierte Metadaten sorgen dafür, dass Artikel, Daten und Software dauerhaft gefunden und zitiert werden können (z.B. durch Einbindung der Publikation in OpenAIRE und andere Nachweissysteme).
Accessible: Alle Artikel sind frei zugänglich und die Daten werden in vertrauenswürdigen Repositorien (z. B. Zenodo) offen und langfristig verfügbar gemacht.
Interoperable: Standardisierte Metadaten und offene Schnittstellen ermöglichen, dass Publikationen und Forschungsdaten von verschiedenen Systemen gemeinsam genutzt und verknüpft werden können, etwa durch Anbindung an OpenCitations, Crossref und weitere Dienste.
Reusable: Offene Lizenzen der Publikationen sorgen dafür, dass andere Forschende Daten, Software und Methoden verstehen und weiterverwenden können (zumeist CC BY 4.0). Unter diesen Voraussetzungen wird nicht nur der Text, sondern die gesamte Forschungsumgebung – Daten, Software und Methoden – nachvollziehbar und nachnutzbar gemacht.
Wie dieser Anspruch in der Praxis umgesetzt wird, zeigte das im Vortrag vorgestellte Beispiel finnsurveytext.
Daten im Zentrum: Das Beispiel finnsurveytext als Modell für nachvollziehbare Forschung
Wie dieses Publikationsmodell in der Praxis funktioniert, verdeutlichten die Referentinnen anhand des Beitrags finnsurveytext: Analysis of Open-ended Survey Responses in R.
Das Beispiel zeigt, wie Transformations Forschungssoftware, Daten und wissenschaftliche Publikationen zusammenführt. Neben dem Artikel sind auch das zugrunde liegende R-Paket (über CRAN), der Quellcode (via GitHub) sowie verschiedene Versionen der Publikation (Preprint, „Version of Record“) dauerhaft verfügbar und miteinander verknüpft.
Alle Versionen sind klar datiert (Einreichung, Annahme, Publikation) und zitierfähig.
Wer ähnliche Umfragen mit offenen Antworten auswerten möchte, kann so unmittelbar auf Methoden, Software/Code und Dokumentation im Paper zugreifen. Wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit wird damit nicht nur gefordert, sondern praktisch umgesetzt.
Neue Publikationsformate für digitale Forschung
Ein besonderes Merkmal von Transformations ist die bewusste Förderung alternativer Publikationsformate. Neben klassischen Forschungsartikeln veröffentlicht das Journal unter anderem Data Papers, Workflow Papers und zukünftig auch Software Papers.
Für diese Formate wurden eigene Begutachtungskriterien entwickelt. An Forschungsdaten – und entsprechend an Data Papers – werden klare Evaluationskriterien, die Transparenz und Kontext in den Mittelpunkt gestellt. Bewertet werden nicht allein die wissenschaftlichen Ergebnisse, sondern auch die Qualität der Dokumentation, die Einordnung in den Forschungskontext sowie die Nachvollziehbarkeit von Daten und Methoden.
Dies ist besonders spannend bei Projekten in den Digital Humanities, in denen die Erstellung eines Datensatzes oder einer digitalen Edition nicht „nur“ Mittel zum Zweck ist. Es geht auch darum, den Forschungsergebnissen und -erkenntnissen in ihrer Gesamtheit Anerkennung zukommen zu lassen und z. B. auch zu zeigen, was über die zentralen Forschungsergebnisse hinaus zustande gekommen ist. Der Ansatz bietet neue Möglichkeiten der wissenschaftlichen Anerkennung.
Offene Begutachtung und nachhaltige Sichtbarkeit
Ein weiteres zentrales Merkmal des Journals ist der Einsatz von Open Peer Review. Autor*innen und Reviewer*innen arbeiten in einem transparenten, nicht-anonymen Begutachtungsprozess zusammen, der durch die Workflows von Episciences technisch unterstützt wird (u. a. durch standardisierte Vorlagen für Kommentare, Copy Editing, Fortschritte im Begutachtungsprozesses und Rollenverwaltung). Dieser Ansatz soll die Qualität der Begutachtung erhöhen, Verantwortung und Nachvollziehbarkeit stärken und den Dialog zwischen den Beteiligten fördern.
Auch bei der Sichtbarkeit verfolgt Transformations einen offenen Ansatz. Statt sich an Journal-Rankings oder Impact-Faktoren zu orientieren, setzt das Journal bewusst auch auf alternative Metriken. Hier zählen Views und Downloads, transparente Funding-Informationen sowie klare Metadaten, welche die Auffindbarkeit und Nachnutzung erleichtern.
Fazit: Diamond Open Access als gemeinschaftliche Infrastruktur
Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, dass Diamond Open Access weit mehr bedeutet als den Verzicht auf Publikationsgebühren. Dabei zeigte sich, dass dies auch viel persönliches Engagement sowie kontinuierliche Anpassungsarbeit an die Anforderungen der Fachcommunitys erfordert. Am Beispiel von Transformations wurde deutlich, wie offene Infrastrukturen, transparente Begutachtung und neue Publikationsformate zusammenwirken können. Die großen Schlagworte – Open Science, FAIR Data, Open Peer Review, Forschungsbewertung – lassen sich in die Praxis umsetzen:
– ohne Gebühren für Autor*innen und Leser*innen,
– mit hoher Transparenz im Begutachtungs- und Publikationsprozess,
– mit einem klaren Fokus auf Daten, Methoden und Workflows,
– und mit echten Möglichkeiten, sich als Teil der Community einzubringen.
Gerade für geistes- und kulturwissenschaftliche Projekte, in denen Daten, Software und digitale Verfahren oft im Schatten „klassischer“ Publikationen stehen, eröffnet Diamond Open Access in dieser Form einen neuen, faireren Weg. Forschende machen nicht nur Ergebnisse, sondern den gesamten Forschungsprozess sichtbar – und tragen damit zu einer offen(er)en Wissenschaftskultur bei.
Mitgestaltung ist bei Transformations ausdrücklich erwünscht: Wer im Bereich Digital Humanities, digitale Editionen, Forschungsdatenmanagement, Methodenentwicklung oder digitalen Workflows forscht, findet hier eine Plattform, die diese Leistungen ausdrücklich sichtbar und zitierbar macht.
Kontakt zur Redaktion: transformations@episciences.org
Link zur Präsentation: Gouzi, F., & Baillot, A. (2026, May 12). SeDOA Coffee lecture „This is how we do it. International Best Practices for Diamond Open Access“. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.20133442
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