Von Stefanie Westphal
Vom 18. bis 21. Mai 2026 traf sich in Warschau die Open-Access-Community anlässlich der Jahreskonferenz der Forschungsinfrastruktur OPERAS, der die Abschlusstagung des Projekts SCIROS vorgeschaltet war (OPERAS 2026 & SCIROS Conference 2026). Diese Veranstaltung zeigte, wie stark Diamond Open Access (Diamond OA) bereits in unterschiedlichen Ländern verankert ist – und wie wichtig koordinierende Servicestellen wie SeDOA im entstehenden europäischen Diamond-Ökosystem sind.
Im Folgenden teilen wir unsere Perspektive auf zentrale Linien der Tagung – mit einem Fokus darauf, was sie für Diamond OA, für die Arbeit von SeDOA und für die Open-Access-Community in Deutschland, aber auch im europäische Forschungsraum bedeuten.
1. Diamond OA im Mittelpunkt – SeDOA als Teil eines europäischen Netzwerkes
Mit unserem Beitrag Diamond Departure – SeDOA in Dialogue with Stakeholders in the German Diamond Publishing Network und unserem Poster SeDOA – Servicestelle Diamond Open Access haben wir SeDOA erstmals im Rahmen von OPERAS & SCIROS als nationale Servicestelle im European Diamond Capacity Hub präsentiert und dabei folgende Punkte hervorgehoben:
- SeDOA als nationaler Single Point of Contact
Wir sind verantwortlich in Deutschland für die Koordination und Sichtbarmachung bestehender Diamond-OA-Initiativen von Ländern, Fachgesellschaften, universitären Verlagen, Plattformen und Bibliotheken. Wir beraten zu Diamond OA-Infrastrukturen sowie Workflows für Zeitschriften und Monographien und bieten Qualifizierungsangebote für Herausgeber*innen und Autor*innen.
- SeDOA – Networking Services & Innovation Lab (SIL)
Die Networking Services vernetzen die deutsche Diamond-OA-Communities mit internationalen Initiativen und bringen die Ergebnisse aus Projekten wie CRAFT-OA, PALOMERA und DIAMAS in den nationalen Diskurs ein. Das SeDOA Innovation Lab (SIL) analysiert und visualisiert redaktionelle Workflows, identifiziert Pain Points und Good Practices (z.B. anhand der „Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften – ZfdG“) und entwickelt gemeinsam mit der Community neue Lösungsansätze – u.a. in Ideathons und offenen Austauschformaten.
- SeDOA im europäischen Kontext
Über die Max Weber Stiftung (MWS) konnten wir in Warschau insbesondere den europäischen Blick einbringen: Wie lässt sich Diamond OA in einer zunehmend internationalisierten Forschungslandschaft so gestalten, dass unterschiedliche nationale Wissenschaftssysteme und Karrierelogiken berücksichtigt werden? Die OPERAS-Konferenz hat deutlich gezeigt, dass diese europäische Verflechtung längst Realität ist – und dass nationale Servicestellen hier Vermittlungsarbeit leisten müssen.
2. National unterschiedliche, aber komplementäre Diamond-Landschaften
Die Veranstaltungen in Warschau haben eindrucksvoll vor Augen geführt, wie vielfältig Diamond OA in Europa (und darüber hinaus) bereits umgesetzt wird – und wie groß der Bedarf an Koordination, Vergleichbarkeit und gegenseitigem Lernen ist.
- Finnland: Ein „reifer“ Diamond-OA-Kontext
Der Beitrag zum Thema Diamond Open Access in the Finnish Scholarly publishing Landscape zeigte: 69 % der finnischen Zeitschriften und ein signifikanter Teil der Reihen arbeiten bereits im Diamond-Modell. Fachgesellschaften (75%) und Universitäten (17 %) dominieren als Träger; kommerzielle Verlage spielen eine marginale Rolle (1%). Plattformen wie Journal.fi schaffen sichtbare, gut in den Fachcommunities verankerte Infrastrukturen für nationale, häufig mehrsprachige Publikationen.
Für uns als SeDOA ist das ein wichtiger Referenzfall dafür, wie langjährige öffentliche Förderung, gemeinschaftliche Infrastrukturen und Anerkennung nationalsprachlicher Publikationen zusammenwirken können.
- Kanada: Diamond OA als nationale Infrastrukturstrategie
Die Paneldiskussion zu Coalition Publica (Érudit & PKP) zum Thema Advancing Canada`s Diamond Open Access Infrastructure machte deutlich, wie:
Open-Source-Software (OJS) und nationale Plattformen, öffentliche Finanzierung durch Stiftungen/Agenturen und Fonds – Canada Foundation for Innovation (CFI), Forschungsrat für Sozial- und Geisteswissenschaften/Forschungsförderungsagentur der Bundesregierung (SSHRC), Fonds de recherche du Québec (FRQ) – und eine dezidierte Förderung von Mehrsprachigkeit und bibliodiversen Publikationsmodellen gemeinsam ein robustes, nicht-kommerzielles Publikationsökosystem schaffen.
Diese Erfahrung ist für uns direkt anschlussfähig: Auch in Deutschland stellt sich die Frage, wie öffentliche Investitionen in Infrastrukturen und Diamond-OA-Services strategisch und langfristig verankert werden können.
- Kroatien, Norwegen, Polen und weitere: Aufbau von National Capacity Centres für Diamond Open Access
Die Poster-Session zu National Capacity Centres for Diamond Open Access und zu nationalen OPERAS-National Nodes; u.a. Kroatien (OPERAS-HR; Croation Centre for Diamond Open Access), Norwegen (OPERAS-NO) , Portugal (OPERAS-PT), Spanien (FECYT and the Spanish Node of OPERAS – OPERAS-ES – in Advancing Quality and Open Science), Polen (The Polish Way to Diamond OA), Niederlande (OPERAS-NL) und Deutschland (OPERAS-GER) zeigte:
– Diamond OA wird zunehmend institutionell und national organisiert, nicht mehr nur als Summe einzelner lokaler Initiativen.
– Nationale Servicestellen übernehmen eine ähnliche Rolle wie SeDOA in Deutschland: Koordination, Beratung, Lobbyarbeit, Community-Building.
– Gleichzeitig sind Ressourcen, politische Rahmenbedingungen und Förderlogiken sehr unterschiedlich, was umso deutlicher macht, wie notwendig ein gemeinsamer europäischer Referenzrahmen ist, wie ihn der European Diamond Capacity Hub (EDCH) darstellt.
Für SeDOA unterstreicht dies erneut: Wir sind Teil eines entstehenden, europäischen Verbunds von Diamond-Kompetenzzentren – und können unsere Aktivitäten gezielt auf Komplementarität und Anschlussfähigkeit ausrichten.
3. Infrastruktur, Governance und Qualität: Diamond OA braucht mehr als „kostenlos“
Ein wiederkehrendes Motiv der Konferenz war: Diamond OA ist kein „kostenloses Publizieren“, sondern ein öffentlich getragenes, gemeinschaftlich verantwortetes Infrastrukturmodell. Drei Themenfelder waren für uns besonders relevant:
- Qualität und Evaluation jenseits von APC-Logiken
Mehrere Beiträge warnten vor einer Rückkehr zu Preismodellen als Qualitätsmaß:
When Price Becomes a Metric zeigte, wie die Ableitung erwarteter APCs aus Zitationsindikatoren methodisch fragil ist – und für Diamond-OA-Zeitschriften, die über institutionelle Ressourcen finanziert werden, völlig an der Realität vorbeigeht.
Die Botschaft für Diamond OA lautet:
Qualitätssicherung muss über Transparenz, Peer-Review-Standards, redaktionelle Kompetenz und Community-Governance definiert werden – nicht über den (nicht vorhandenen) Marktpreis.
Hier sehen wir eine direkte Schnittstelle zu SeDOA: Unsere Trainings- und Beratungsangebote zielen genau darauf, diese Qualitätsdimensionen zu stärken und sichtbar zu machen, ohne sich APC-Logiken unterzuordnen.
- Redaktionskompetenz und Transparenz
Ramazan Turguts Praxisbericht zu DOAJ-Workshops in der Türkei Building Editorial Capacity for SSH Open Access Journals: Practice-Based DOAJ Workshops in Türkiy and Early Evidence of Improved Acceptance Outcomes illustrierte, wie stark Zeitschriften von Hands-On-Trainings zu Policies, Peer-Review-Beschreibungen, Lizenzen und Governance profitieren. Bereits kleine, praxisnahe Maßnahmen wirken sich messbar auf Sichtbarkeit und Anerkennung aus (z.B. steigende DOAJ-Akzeptanz).
Für SeDOA empfiehlt sich deswegen der Ansatz, stärker redaktionsnahe Qualifizierung anzubieten – von Mustertexten über Policy-Checks bis hin zu Community-basierten Formaten, in denen sich Herausgeber*innen gegenseitig unterstützen.
- Infrastrukturen als „Boundary Objects“
Mehrere Beiträge, u.a. zu Milan University Press mit Local infrastructures as boundary objects, den OPERAS-Services (oder LUMEN mit Discovering Knowledge Across Domains. The LUMEN Project, betonten, dass Infrastrukturen sozio-technische Grenzobjekte sind, die unterschiedliche Akteur*innen (Forschende, Bibliotheken, Verlage, Datenstewards, Politik) verbinden und immer auch normativ sind. Sie entscheiden mit darüber, welche Sprachen, Formate und Publikationspraktiken sichtbar, zählbar und anschlussfähig werden.
Für uns als SeDOA folgt daraus:
Wenn wir Workflows kartieren, Use Cases sammeln und Pilotprojekte begleiten, geht es nicht nur um technische Fragen – sondern immer auch um Governance, Machtverhältnisse und Anerkennungsstrukturen im Publikationssystem und damit um die Akzeptanz von Diamond OA insgesamt.
4. Multilingualismus, Bibliodiversität und epistemische Gerechtigkeit
Diamond OA wird häufig mit Bibliodiversität und Sprachenvielfalt verbunden. In Warschau wurde klar, wie zentral diese Themen tatsächlich für die zukünftige Ausrichtung von Open Science sind:
– Der Beitrag zur polnischen Plattform „Polish Studies Newsletter“ als mehrsprachige Infrastruktur für „kleine Philologien“ (Beyond National Borders) zeigte, wie digitale Plattformen nationale Sprachen jenseits des „English-only“-Paradigmas stärken können.
– Diskussionen zu Multilingualismus und GenAI (Multilingualism and AI, a Common(s) Challenge; Book of Abstracts, S. 30-31) verdeutlichten, dass offene, sprachspezifische Corpora und Modelle nötig sind, wenn KI nicht bestehende Hierarchien weiter verfestigen soll.
– Beiträge zu epistemischer Ungleichheit (z.B. Open Science and Epistemic Inequality: Muslim Knowledge Production in European Reserach Infrastructures after 9/11; Book odf Abstracts, S: ) machten deutlich, dass „offen“ nicht automatisch „gerecht“ bedeutet: Sichtbarkeit, Zitation und Anerkennung sind ungleich verteilt – trotz Open Access.
Für Diamond OA und für SeDOA heißt das:
Wir müssen Mehrsprachigkeit und bibliodiverse Publikationskulturen als integralen Bestandteil von Qualitäts- und Infrastrukturdebatten mitdenken. Diamond OA ist besonders geeignet, lokal und regional verankerte, community-getragene Publikationen zu unterstützen, die in kommerziellen Modellen kaum vorkommen. Genau hier liegt eine unserer Kernaufgaben.
5. Politische Rahmenbedingungen
Mit Blick auf kommende gesetzliche Initiativen, allen voran den geplanten European Research Area (ERA) Act, war klar spürbar: In den nächsten Jahren wird darüber entschieden, ob und wie Open-Science-Infrastrukturen – einschließlich Diamond OA – politisch abgesichert werden.
Diskutiert wurden u.a.:
– Wie lassen sich Open Science und digitale Souveränität sinnvoll austarieren?
– Welche Rolle sollen öffentlich finanzierte, gemeinschaftlich gesteuerte Infrastrukturen in der künftigen Forschungsarchitektur spielen?
– Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen braucht es, damit Diamond OA nicht nur als Option, sondern als tragfähiges Standardmodell etabliert werden kann?
Wir von SeDOA nehmen mit:
Die politische Diskussion um Open Science und Forschungsinfrastrukturen wird auf europäischer Ebene konkreter – und wir müssen als Community frühzeitig und koordiniert unsere Perspektiven einbringen. Nationale Servicestellen wie SeDOA können hier als Vermittler*innen auftreten: zwischen Diamond-Praxen „vor Ort“, nationaler Wissenschaftspolitik und europäischen Gesetzgebungsprozessen.
6. Was wir aus Warschau mitnehmen – und wie es weitergeht
Die OPERAS 2026 & SCIROS Conference 2026 war für uns ein wichtiger Meilenstein:
- Sie hat unsere Rolle als Capacity Centre im deutschen und europäischen Diamond-Netzwerk sehr viel stärker konturiert, wie die Rückmeldungen zeigen.
- Sie hat deutlich gemacht, wie weit Diamond OA international schon ist und wie sehr Deutschland vom strukturierten Erfahrungsaustausch profitieren kann.
- Sie hat uns weitere Ansatzpunkte gegeben, wie wir unsere Arbeit ausrichten können:
Unsere Themen sind: Ausbau von Community-Formaten (Ideathons, Workshops, Dialogreihen), verstärkte Abbildung, Analyse und Visualisierung von Workflows als Grundlage für gute Praxisempfehlungen, engere Verzahnung mit europäischen Projekten und dem European Diamond Capacity Hub, gezielte politische Kommunikation, um Diamond OA in nationalen und europäischen Strategien zu verankern.
Wir sehen SeDOA nach dieser Konferenz noch deutlicher als das, was unser Name sagt:
Eine Servicestelle für Diamond OA – aber ebenso eine Plattform für Austausch und Innovation und eine Stimme in der Debatte um eine offene, gerechte und gemeinschaftlich getragene Publikationslandschaft.
Beiträge der Konferenz auf Zenodo unter: Search OPERAS 2026 & SCIROS Conference | Zenodo
OPERAS 2026 & SCIROS Conference – Book of Abstracts: https://doi.org/10.5281/zenodo.20277831 (sämtliche im Blog erwähnten Beiträge sind hier mit Abstracts vertreten)
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